Ernährungsanamnese bei Adipositas
Die Ernährungsanamnese ist mühevoll, aber unverzichtbar. Häufig muß der Patient über die Notwendigkeit der ausführlichen Anamnese aufgeklärt werden. Die Anzahl (weniger als drei Mahlzeiten am Tag), der Ort (Gaststätten) und die Zeit (nächtliches Essen, häufig mit Schlafstörungen verbunden) der Haupt- und Zwischenmahlzeiten und die Umstände (Ärger, Freude) unter denen gegessen wird, sowohl an Werktagen und an Wochenenden (intaktes Familienleben) und die jeweils verzehrten Mengen (immer nur kleine Mengen, rezidivierend Unmengen) vermitteln ein Bild der allgemeinen Ernährungsgewohnheiten.
Nahrungsbeschaffung (Markt, Supermarkt, Spezialhändler, täglich oder wöchentlich, allein oder mit Familie), die Vorratshaltung (Keller, Kühlschrank) und die Nahrungszubereitung (frisch, Mikrowelle) ergeben weitere Hinweise auf das Ernährungsverhalten.
Wenn häufig kleine, leicht verfügbare und gut schmeckende Nahrungsmittelmengen gegessen werden, aus Freude, Langweile oder ohne Anlaß, handelt es sich um Naschen. Diese Form des Eßverhaltens („nibbling”) kann unmerklich Adipositas nach sich ziehen.
Wenn häufig nach der Abendmahlzeit noch ein erheblicher Teil der täglichen Nahrung (> 25 °/o) eingenommen wird, handelt es sich um das Syndrom des nächtlichen Essens („Night-Eating-Syndrom”). Hierbei treten häufig Adipositas und erhebliche Schlafstörungen auf, die ihrerseits möglicherweise zur Schlafapnoe beitragen können.
Wenn häufig ein unwiderstehliches Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln auch außerhalb von regulären Mahlzeiten auftritt und dabei immer wieder große Mengen bis zur Sättigung gegessen werden, handelt es sich um Begierde („craving”) nach Süßigkeiten und/ oder fetthaltigen Speisen. Diese Eßattacken („Binge Eating Dis-order”) können allmählich zu Adipositas führen.
Einen ungefähren Hinweis auf die quantitative und qualitative Nahrungszufuhr ergibt eine detaillierte Analyse der verzehrten
Nahrung. 24-Stunden-Recall oder 4-Tagesprotokoll einschließlich eines Wochenendtages, in dem die verzehrten Lebensmittel in Haushaltsgrößen registriert werden, oder food frequency lists, in denen jeweils die Anzahl der verzehrten Lebensmittel über eine Woche mittels Strichlisten registriert werden, ergeben einen Anhalt über bestimmte Ernährungsgewohnheiten und bevorzugte Speisen.
Wenn auch die vom Betroffenen selbst gemachten Angaben die Mengen der verzehrten Nahrungsmittel nicht genau widergeben, so erlauben sie doch wertvolle Rückschlüsse auf das Ernährungsverhalten.Durch Analyse der mittels Strichlisten registrierten verzehrten Nahrungsmittel wird erkannt, ob bevorzugt fette oder süße Speisen verzehrt werden. Insbesondere dem verzehrten Fett kommt wegen seiner hohen Energiedichte bei der Adipositas hohe Bedeutung zu.
Strichlisten können auch Auskunft über eine eventuell bestehende Fehlernährung und Hinweise für eine bestehende Eßstörung geben.
Ein Erhebungsbogen kann durch den Patienten ausgefüllt und vom Arzt hinterfragt werden. Der mögliche Rückgriff auf diese Daten ist bei weiteren Gesprächen außerordentlich nützlich.
